Ergotherapie bei Multiple Sklerose -> MUSS DAS SEIN?

Ergotherapie bei Multiple Sklerose

Ergotherapie bei Multiple Sklerose ist und war bei mir lange Zeit kein Thema.

Ich habe mich weder um Physiotherapien, Ergotherapien oder irgendwelche Therapien am Anfang meiner MS Karriere gekümmert.

Warum auch? MUSS DAS SEIN?

Das wird schon wieder werden und geht bald nach den Cortison Infusionen weg.

So war es jahrelang. Ich hatte ein unbeschwertes Leben mit allen normalen Höhen und Tiefen. Ein Schub hier, ein Kribbeln da, das war es.

Nachdem die MS sich Anfang 2011 lauter bemerkbar machte, musste ich mich in diversen Reha-Aufenthalten mit zig Therapien körperlich und gedanklich beschäftigen.

Physiotherapie hier, Ergotherapie da, obendrauf Patienten mit den gleichen Symptomen und Zielen. Der erste Kontakt ist hergestellt.

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In der Rehaklinik erkennen sie meine Defizite und ich kann mich der Behandlung nicht entziehen.

Das schwache, linke Bein, der lahme Arm waren und sind Dauerbrenner bei mir.

Anfänglich kümmerte ich mich intensiver um die Beine. Mir vorzustellen einen Rollstuhl zu nutzen wirkt beängstigend und geht zu diesem Zeitpunkt auf keinen Fall.

Die Krankengymnastik, sprich Physiotherapie, begleitet mich seitdem mehrmals wöchentlich.

Den Rollstuhl habe ich mittlerweile akzeptiert und lieben gelernt. Ich bin froh, diesen zu haben.

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Warum zusätzlich zur Ergotherapie gehen?

Wann und wem hilft sie?

Was ist Ergotherapie?

 

In der Neurologie liegen die Schädigungen am ZNS -> Zentralnervensystem vor. Die Patienten sind vorübergehend oder dauerhaft in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt.

Die Schädigungen betreffen folgende Funktionssysteme:

  • körperliche Funktionen, wie zum Beispiel Motorik, Koordination, Sensorik

  • geistige Funktionen, wie zum Beispiel Gedächtnis, Sprache, Denken, Aufmerksamkeit, Planungs- und Handlungsfähigkeit, Lern- und Merkfähigkeit,

  • psychische Funktionen, wie zum Beispiel Persönlichkeit, Verhalten, Antrieb, Emotionen

 

Die Ergotherapie trainiert individuell, zielgerichtet und symptomorientiert die Aktivitäten des Alltags.

Der Grund: Damit wir lange in der Lage sind, selbstständig unseren Alltag zu meistern. Waschen, Anziehen, Essen und Trinken, Toilettengänge wollen wir alleine bewerkstelligen.

MS -> mach selbst, so lange es geht.

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Oft fehlt MS Patienten die nötige Kraft, die Feinmotorik. Es haben sich falsche Bewegungsmuster, Fehlhaltungen eingeschlichen, die gilt es auszumerzen oder zurückzugewinnen.

Ist das nicht machbar, schauen die Ergotherapeuten, ob ein geeignetes Hilfsmittel Abhilfe schafft.

Außerdem gehört zum Therapiespektrum das Arbeitsplatz-Training. Dort wird ergonomisches Arbeiten, Beratung und Anpassung des Arbeitsplatzes in Augenschein genommen.

Ich bin ehrlich, mich hat das alles nicht interessiert, aber sie haben mich eines Besseren belehrt.

Physiotherapie und Ergotherapie unterstützen uns zusammen. Sie arbeiten im besten Fall Hand in Hand zusammen und erzielen mit uns Erfolge, die uns den Alltag erleichtern.

Eine gescheite Ergotherapie Praxis zu finden gestaltet sich schwierig und hier gilt:

AM BESTEN TESTEN!

Hier füge ich einen Link ein, damit die Suche nach einer Praxis einfacher wird. 🙂

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Ziele einer Ergotherapie:

– Feinmotorik, Grobmotorik verbessern

– Gleichgewicht, Koordination, Wahrnehmung des Körpers stärken, trainieren

– Konzentration, Merkfähigkeit, Gedächtnis trainieren -> Kognition

– unterstützen bei Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL = activity of daily living)

– Bewegungsdefizite ausgleichen, verbessern und Kompensationsstrategien finden

– Hilfsmittel bei Bedarf im Alltag, im Beruf zielgerichtet einsetzen

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Das war viel Theorie, Wissen und ein kurzer Überblick.

Muss das sein?

Müssen muss nichts. Ich denke jeder MS Patient merkt, wann es nötig ist aktiv einzugreifen und zu handeln. Je früher desto besser, aber wir sind alles Menschen und werden aktiv, wenn “Holland in Not ist”. Also heißt es, nicht zu lange warten. 😉

 

Und zum Schluss zeige ich euch heute eine kleine Ergotherapie Übung. Diese kann jeder ruck zuck und im Handumdrehen alleine zuhause ausprobieren.

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Ergotherapie Übung Feinmotorik:

 

Ihr braucht an Materialien: vier DIN-A4 Blätter (gut geeignet Druckerpapier)

Anleitung:

Achtet bitte auf eine gerade Sitzhaltung.

Die Füße, wenn möglich, auf den Boden stellen oder auf das Rollstuhlfußbrett.

Schultern und Arme entspannt hängen lassen.

Den Unterarm locker auf den Tisch auflegen.

Zwei Blätter vor sich hinlegen.

Diese jeweils in der Mitte falten, mit dem Finger nachfahren und in zwei Hälften teilen.

Ergotherapie bei Multiple Sklerose

 

1. Übung: Das Papier unter die Hände legen Eine Hälfte in die rechte und eine in die linke Hand nehmen.

2. Die Blätter jeweils so klein, so fest, so rund wie es geht zerknüllen.

Achtung:

OHNE zu HILFENAHME des Tisches, des Körpers oder der anderen Hand.

3. Die vier geknüllten Blätter vor sich hinlegen.

4. Danach wird es schwerer. Jetzt das Blatt einhändig entknüllen. Durch Drehen, Wenden, Fingereinsatz und Geduld gelingt das Entfalten.

Ergotherapie bei MS

In der Ruhe liegt die Kraft! 😉

Und weil es so schön war, gleich eine weitere Übung hinterher:

1. Sitzposition wie oben einnehmen.

2. Ein DIN-A4 Blatt teilen = zwei DIN-A5 Blätter

3. Mit beiden Händen die Blätter quer in Streifen reißen (mindestens acht).

4. Nacheinander, rechts und links händig die Papierstreifen zu kleinen, festen Kügelchen zerknüllen. Ohne zu Hilfenahme des Körpers oder anderen Hilfsmitteln.

Ergotherapie bei MS Übung

 

So sehe ich bei mir klar, links ist die schwache Seite, da die Kügelchen groß sind. Ebenso das Entfalten des Blattes mit einer Hand fällt mir links viel schwerer.

Übung macht den Meister. Aus diesem Grund falten wir jetzt noch eine Ziehharmonika und basteln ein Schiffchen. Ich glaube das kann jeder, oder?

Um effektiv zu arbeiten, empfehle ich zwei bis drei Wiederholungen pro Übung. Außerdem bitte die Schultern zwischendrin lockern.

Die Dauer der Übung soll zehn Minuten nicht übersteigen.

Deshalb ist üben angesagt und bitte nicht verzweifeln. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. 😉

 

Ich bin auf dein Feedback gespannt.

 

Viel Spaß und gutes Gelingen wünscht,

Deine Christine!

 

 

 

 

 

 

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Da geht noch was...! Immer weiter und wenn es geht nach VORNE! Information, Motivation und ein Menge Spaß.

14 Comments

  • Achim Schlemmer 23. August 2019 at 8:52 Reply

    Ich bin ein riesiger Fan von Physiotherapie. Ich habe auch zu spät begonnen, erst 2013. Inzwischen bekomme ich es dreimal die Woche (25 Minuten). Ich nenne es aber eher Sport, da meine Physiotherapeutin keine klassische Therapie wie üblicherweise bei MS macht, sondern vor allem meine Muskulatur kräftigt. Übungen mit dem eigenen Körper (ohne Tools), Übungen an einer Boden-Decken-Stange und Übungen mit dem Theraband (grün) mache ich auch selbst täglich, und sei es nur 15 Minuten lang. Hilft mir übrigens mehr als Ergotherapie. Dauerverordnung von 20 Einheiten völlig problemlos für meine Ärztin (Allgemeinarzt! Ich besuche keine Neurologen mehr … die haben mich stets in die falsche Richtung therapiert). Bleib in Bewegung, Christine! Und alle anderen natürlich auch 🙂

    • Christine 23. August 2019 at 13:30 Reply

      Hallo Achim,
      das ist wirklich viel…. und schön, wenn die Therapeutin auf die Bedürfnisse so individuell eingeht. Das ist nicht Standard und Normalität. Leider.
      Aber ich sage immer, reden hilft. 😉 – Jeder findet seinen eigenen Weg und DU bist ja auch immer aktiv dabei und schaust, wie es am besten geht.
      Wir bleiben in Bewegung und machen weiter. Liebe Grüße zurück, Deine Christine!

  • Anonymous 22. August 2019 at 19:52 Reply

    Hallo, Christine

    Wieder einmal ein sehr guter Beitrag 👌!
    Eine zielgerichtete Ergo ist bei MS, ohne Frage, sehr wichtig!
    Wie ich zu wissen glaube, dienen die, teilweise ´lustigen´, aber oft sehr unterschätzten, Aufgaben in einer Therapie (Knopfspiele, Mandalas, Origamis, Körbchen flechten) vor Allem dem Therapeuten als
    Einschätzung zu Stand & Entwicklung der Feinmotorik des Patienten.
    Unter uns, ich mag das alles auch nicht, aber wenn es so ist…!
    Jeder sollte aber selbst, all diese Bewegungsabläufe, wenn möglich, im Alltag gewuppt bekommen!
    Das fängt an bei Schnürsenkeln, Hemdknöpfen, Reißverschlüssen und mit Besteck essen!
    …und (kennen bestimmt Einige?), beim Einkaufen, die Geldstücke…!
    Zuerst wollen sie nicht aus der Börse, und das Rückgeld ´klebt´ dann irgendwie auf der Theke fest! 😂
    Regelmäßige Übung macht nicht den Meister, aber es ist gut, um nicht alles zu verlernen!
    Laufend weiter an sich arbeiten, bloß nie Aufgeben, und Geduld, mit sich selbst haben!

    In diesem Sinne
    LG Jojo

    • Christine 23. August 2019 at 13:34 Reply

      Hallo Jojo,
      schön, wenn der Blog gefällt und Du DEINE Erfahrungen weitergibst. Wenn es uns hilft, machen wir mit, es ist kein Wunschkonzert 😉
      Arbeit, hartes Training bei und mit MS ist unser täglich Brot. Anders geht es nicht, deshalb stark sein, dranbleiben und weitermachen.
      Liebe Grüße, Deine Christine!

  • Erwin Jack 22. August 2019 at 10:25 Reply

    Liebe Christine ,

    wieder ein klasse Beitrag.
    Auch für mich gehört die Ergotherapie zu den klassischen Säulen der neurophysiologischen Erkrankungen.
    Deshalb gehe ich konsequent zweimal pro Woche seit mehr als zehn Jahren zur Ergo.
    Unsere Ärzte können die Dauertherapie mit wiederholt 10 Verordnungen problemlos verordnen – ohne ihr Praxisbudget zu belasten.

    Liebe Grüße

    Erwin Jack

    • Christine 25. August 2019 at 9:43 Reply

      Lieber Erwin,

      viele Dank, Du machst das richtig. Meine Bewunderung hast DU, denn so gut organisiert und strukturiert sind die wenigsten Leute. Hut ab!
      Danke für den Hinweis mit dem Budget, wobei die Ärzte trotzdem oft das Gesicht verziehen, wenn sie etwas verordnen sollen…. aber davon lassen
      wir uns nicht beirren.
      Ein schönes Wochenende wünscht,
      Deine Christine!

  • Michael 20. August 2019 at 22:44 Reply

    Liebe Christine,
    wie immer, bist Du unermüdlich am nachspüren, was Du noch sinnvolles entdecken kannst! Immer wieder beschäftigst Du Dich sehr intensiv mit den einzelnen Themen. So eingehend, dass Du sie Deinen Bologlesern erklären kannst. Dabei hast Du immer eine sehr positive und offene Grundhaltung. Das gefällt mir sehr!
    Deine treffende Beschreibung der Ergotherapie und die Zusammenarbeit mit den Physiotherapeuten kann ich vollauf bestätigen (meine Frau ist Ergotherapeuten).

    Ich wünsche Dir alles Gute und immer wieder gute Erfahrungen und neue Erkenntnisse!
    Lieben Gruß, Michael

    • Christine 21. August 2019 at 10:06 Reply

      Hallo lieber Michael,
      schön, wenn Du den Blog für gut empfindest. Ich berichte wirklich über meine Erfahrungen, denn das sind schon einige… und kann vielleicht hilfreich für einige Menschen sein.
      Es muss nicht jeder in die gleiche Falle laufen. 😉 Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung ist das A und O auf meiner Seite.
      Und über das Lob freue ich mich sehr, da Du selbst mitreden kannst.
      Für Euch auch alles Liebe und Gute, Deine Christine!

  • Farouk 20. August 2019 at 22:42 Reply

    Vielen Dank für diesen tollen und hilfreichen Beitrag, liebe Christine!
    Liebe Grüße, Farouk

    • Christine 21. August 2019 at 10:07 Reply

      Hallo Farouk,
      sehr gerne und schön, wenn er hilft.
      Liebe Grüße, Deine Christine!

  • Kerstin Kubon 20. August 2019 at 22:36 Reply

    Liebe Christine, ich bin 1 x wöchentlich bei der Ergo, habe ziemlich bald nach der Diagnose 2016 damit begonnen. Wir machen Koordinationsübungen, Sturzprophylaxe und Sensibilitätsübungen. Ich bin froh, dass ich so früh mit Ergo und Physio begonnen habe. Kann ich nur empfehlen. Danke für die Übungen, kannte ich noch nicht. Liebe Grüße Kerstin

    • Christine 21. August 2019 at 10:08 Reply

      Liebe Kerstin,
      das ist sehr, sehr gut und hilft im weitern MS-Leben 😉 . So wie sich das liest, hast Du die richtige Praxis gefunden. Toll!
      Meine Übungen sind, besonders für die schwache Seite, echt nicht zu unterschätzen…..
      Liebe Grüße, Deine Christine!

  • Klaus K. Müller 20. August 2019 at 21:30 Reply

    Als „Auch-Rollifahrer“ stehe ich zu wenig. In der Ergo machen wir Luftballontennis, ich im Stehtisch eingespannt ca 30 Min, hilft mir, dann wird noch mein rechter, totgeglaubter Fußheber aktiviert, tolles Gefühl, auch mit Tränen. Ich hasse Knopfspiele 😀 muss aber…
    LG

    • Christine 20. August 2019 at 21:34 Reply

      Hallo,
      da muss ich heute Abend schmunzeln….. 😉 Ich hasse Knopfspiele….-> ich auch. Aber, was muss das muss und wir tun unserem Körper etwas GUTES!
      Ich sage immer, wir sind im Auftrag der Gesundheit unterwegs und müssen das BESTE aus uns rausholen. Und wie ich lese, tust Du das auch.
      Einen schönen Abend wünscht, Deine Christine!

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